Eduard Mörike (1804-1875)
Seine
Eltern waren Charlotte (1771-1841) und Karl Mörike (1763-1817). Aus dieser glücklichen Ehe gingen nicht weniger als 13 Kinder hervor, wobei viele schon bei der Geburt starben. Als siebtes Kind wurde Eduard Friedrich am 8. September 1804 in
Ludwigsburg geboren. Eduard Mörike hatte eine sehr starke Bindung an seine Familie. Der Vater war aufgrund seines äußerst geschäftsvollen Amtes als Stadt- und Amtsarztes selten zu Hause. Die Mutter war jedoch stets für die Kinder
ansprechbar. Mörikes verbundenes Gefühl unbedingter Sympathie, Zärtlichkeit und Fürsorge richtete sich aber besonders an seinen älteren Bruder Karl (1797-1848). In einer Darstellung würdigte Mörike auch seine jüngere Schwester Klara
(1816-1903) und betont diese Zusammengehörigkeit in einem Brief an seinen Freund: "Du begreifst gar nicht, welchen Einfluß jene auf mich ausübt, und wie wir uns von ferne verstehen; ja sie hilft mir oft, ohne es nur zu wissen, dem
Verständnis meiner selbst auf die Spur." Mörike wurde älter, und man machte sich Gedanken über seine Zukunft. Der Vater wünschte nicht, daß ein Sohn seinen Beruf ergreifen sollte. Für Mörike wurde daher ein Beruf ausgewählt, der sich
dem geistlichen Stande widmete. So mußte er im Frühjahr 1811 als sechsjähriger Junge auf die Lateinschule nach Ludwigsburg, um dort die besten Voraussetzungen zu erlangen. Doch in Mörikes Kindheit trat ein Ereignis ein, das leider für
seinen weiteren Lebensweg eine große Bedeutung hatte. Das Oberhaupt der Familie und der alleinige Ernährer erlitt einen Schlaganfall. Nach langjährigem Siechtum starb Mörikes Vater im September 1817.
Eduard Mörike selbst war zu diesem Zeitpunkt erst 13 Jahre alt. Obwohl dieser Verlust ein herber Schlag für die Familie war, wurde sie doch von den verschiedensten Seiten tatkräftig unterstützt. Der Onkel, Obertribunalrat Friedrich
Eberhard von Gorgii, erklärte sich bereit, den jungen Mörike in seinen Haushalt aufzunehmen. Von dort aus konnte Eduard Mörike das Stuttgarter "Gymnasium illustre"
besuchen. Er wurde dort allerdings nur ein Jahr lang unterrichtet, da er ab Ostern 1818 in der damals neuerrichteten Klosterschule in Urach aufgenommen wurde. Die dort herrschenden Erziehungsmethoden waren ziemlich rüde. Nach strikten
Regeln und einem äußerst konservativen Muster mußte gelebt werden. Mörike konnte dies nicht ertragen, er war ständig unzufrieden. Seine schulischen Leistungen verschlechterten sich daher rapide, seine Lehrer beklagten sich über Lustlosigkeit
und zu wenig persönliches Interesse für die Schulbildung. Vieleher begeisterte sich Mörike für die wunderschöne Landschaft um Urach herum. Genauso gerne schloß er Freundschaften und pflegte sie sowohl mit persönlichen Besuchen als auch durch
regen Briefwechsel. Schon vor der Uracher Zeit hatte Mörike Klärchen Neuffer, eine gleichaltrige Cousine bei Besuchen kennengelernt und sie liebgewonnen. Es entwickelte sich eine vorübergehende kindliche Liebe, deren Idylle von
hinreißender Liebenswürdigkeit in verschiedenen Gedichten erzählt wird ("Nächtliche Fahrt", "Erinnerungen"). Während der Uracher Klosterschulzeit befreundete Eduard Mörike sich auch mit einigen Gleichaltrigen. So
verstand er sich besonders gut mit Wilhelm Hartlaub, der ihm sein ganzes Leben lang treu und zuverlässig zur Seite stand. Ebenso nennenswert wäre Wilhelm Waiblinger, ein vielversprechender junger Dichter. Ihm hat Mörike es zu
verdanken, daß er angeregt wurde, Goethes Lyrik und die Literatur anderer großer Schriftsteller zu studieren (Schiller, Shakespeare, Hölderlin, Klopstock). Im Hebst 1822, nach vierjähriger Schulzeit in Urach, begann für Eduard Mörike im
Alter von 18 Jahren die dritte Etappe, ja gewiß die prägendste, in seiner Erziehung zum württembergischen Landpfarrer: Das Theologiestudium in Tübingen. Seine Leistungen waren wieder mangelhaft. Vorschriften beachtete er kaum, was
letztendlich dazu führte, daß er viele verhängnisvolle Strafen auf sich nehmen mußte. Mörike beeindruckte dies wenig. Er ging mit einem neuen Freund Ludwig Amandus Bauer
spazieren , zog sich mit ihm in ruhige Winkel zurück. Dann flüchteten sich die zwei Freunde in ein erdichtetes Land der Sehnsucht, dem sie den Namen "Orplid" gaben. Sie stellten sich eine traumhafte Insel vor, die sie in
ihrer Phantasie mit Göttinnen und Göttern, Elfen und Kobolden bevölkerten. Sie träumten, dichteten und lebten in dieser Phantasiewelt, die für sie "zum Sinnbild für die Sehnsucht nach Weite, Geheimnis und Abenteuer, nach paradiesischer
Ursprünglichkeit" wurde. Genau diese Orplid-Dichtungen tauchen dann später in einigen Werken Mörikes wieder auf. Als Mörike in den Osterferien 1823 bei einem Freund zu Gast war, lernte er die zwei Jahre ältere Maria Meyer
kennen. Sie taucht in Mörikes Gedichten als "Peregrina", in seinem Roman "Maler Nolten" als "Elisabeth" auf. Ihre ungewöhnliche Schönheit, ihre Anmut und ihr geheimnisvolles Gehabe faszinierten Mörike.
Nach den Ferien wurden leidenschaftlich Briefe gewechselt. Doch Mörike war unsicher. Diese Liebe
erlebt er als schicksalshafte, als erotische Verlockung und somit als Gefährdung für sich selbst. Aus diesem Grund hatte Mörike auch wahrscheinlich ein erneutes Wiedersehen auf Wunsch Marias abgelehnt. Den erst Neunzehnjährigen traf dies
trotzdem sehr hart. Er war verwirrt, tief verstört und verzweifelt, was sich in seiner Dichtung zu dieser Zeit widerspiegelte. Hinzu kam noch, daß einer seiner Brüder mit 17 Jahren starb. Dies verstärkte natürlich noch seine
traurige Situation. Nach vierjähriger Tübinger Zeit beendete Mörike sein Studium im Oktober 1826 mit dem theologischen Abschlußexamen. Mit dem Verlassen des Tübinger Stifts begann für Mörike die "Vikariatsknechtschaft"
, die in seinem Fall acht Jahre andauerte. Eine stellvertretende Amtsausübung als Pfarrgehilfe war ziemlich demütigend. Er verweilte in verschiedenen Gemeinden, hatte sowohl längere als auch kürzere Aufenthalte. Teilweise hatte Mörike
große Zweifel an seinem Beruf, bedingt auch durch die höchst unzufriedene Lage der Vikariatsknechtschaft. Doch nach einiger Zeit konnte er die Zweifel ausräumen, er fand wieder Spaß an seiner Arbeit. Trotzdem mußte Mörike aufgrund seines
schlechten Gesundheitszustandes um kurzzeitige Beurlaubung bitten. In dieser Erholungspause kam in Mörike der Wunsch auf, freier Schriftsteller zu werden, um so seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Er hatte das Glück, sich
bei einem Stuttgarter Verlag verpflichten zu dürfen. Dort sollte er für eine Zeitung Beiträge liefern. Doch leider scheiterte Mörike, da er das Schreiben als Zwang ansah und sich furchtbar unter Druck gesetzt fühlte. So kehrte Mörike im
Februar 1829 reumütig als nun nicht mehr ganz unbekannter Dichter in sein Amt als Pfarrgehilfe zurück. Sogleich am ersten Tag in seiner neuen Gemeinde lernte Eduard Mörike die Frau kennen, mit der er sich kurze Zeit später verlobte: die
damals 22-jährige Luise Rau. Nach den unglücklichen Erfahrungen mit Klärchen Neuffer und Maria Meyer schöpfte Mörike nun neuen Mut und sah im Traum seine Verlobte bereits als Ehefrau. Mörike wurde jedoch bald wieder an einen anderen
Standort versetzt. Aber mit der Aussicht auf Ehe wechselte man Briefe mit einer Vielzahl von Liebeserklärungen. Es entstanden die schön-sten Gedichte ("Verborgenheit"). Mörike widmete sich in dieser Zeit vollständig seinem Amte und
fand darin seine Genugtuung. In stiller Abgeschiedenheit verfaßte er seinen einzigen Roman "Maler Nolten" und schrieb weitere Gedichte. Gelegentlich beschäftigte er sich auch mit Goethes Werken. Ende 1833 kam es zur
Auflösung der Verlobung mit Luise Rau. Man trennte sich aus Gründen, die nicht genauer nachvollziehbar sind. Seien es die Vorwürfe von Lieblosigkeit und Untreue, Verdächtigungen oder Mißverständnisse, die im Roman erwähnten
problematischen Seiten des Dichters, man weiß die genauen Gründe nicht. Gewiß ist, daß eine nicht enden wollende berufliche Misere ebenfalls zu einer völlig zerrütteten Verfassung Mörikes führte. Er schrieb: "Ich bin seit Wochen
wie ein gehetztes Wild, unstet, fast heimatlos, uneins mit mir selbst und möchte mein Schicksal mit Füßen treten." Nach langen Jahren des Wartens und den beschwerlichen Wechseln von Gemeinde zu Gemeinde als Pfarrgehilfe wurde Mörike als
30-jähriger in die Pfarrei nach Cleversulzbach
(in der Nähe von Heilbronn) berufen. Er durfte dort ein stattliches und geräu-miges Pfarrhaus mit schönem Garten in Besitz nehmen, wohnte darin mit seiner Mutter und Schwester Klärchen. Die Gemeinde zählte 600-700 Einwohner. Mörike erhoffte sich wenig Belastung durch Amtsgeschäfte, ja er erwartete sogar viel Zeit für sich selbst und seine Dichtungen. Diese Wünsche erwiesen sich allerdings als utopisch. Daher empfand Mörike die Amtspflicht als eine ständig drückende Mühsal, die viel zu viel Kraft von ihm verlangt hätte. Besonders
haßte er das Predigenmüssen. Mörike, ein ruhiger und sensibler Mensch, war es gewohnt, seine Gedanken niederzuschreiben. Er behielt seine Gefühle meist bei sich, konnte kaum darüber sprechen. Seine große Fähigkeit war es, sprachlich
Einwandfreies niederzukritzeln. Doch eine Predigt vor einer Gemeinde vorzu-tragen, erwies sich für Mörike als eine äußerst schwierige Aufgabe. In dieser Zeit war er psychisch sehr angeschlagen, und die Schwierigkeiten und Probleme im Amt
machten sich außerdem in vielen Krankheiten bemerkbar. Hinzu kam noch, daß Mörikes Mutter im April 1841 im Alter von 70 Jahren überraschend an einer Brustfell-entzündung starb. Mörike war stark erschüttert und außer sich, da er ja mit seiner
Mutter immer besonders verbunden war. Dieser schwere Verlust
und der labile Gesundheitszustand führten dazu, daß Mörike im Juni 1843 einen Brief an den König Wilhelm I. von Württemberg schrieb und darin um vorzeitige Entlassung aus seinem Amt bat. Dem damals erst 39-jährigen wurde die Versetzung in den Ruhestand unter dem Vorbehalt einer Wiedereinstellung bei Genesung genehmigt. Ohne jegliche beruf-liche Verpflichtungen konnte der doch meist rüstige Pensionär seinen Herzensangelegenheiten nachgehen. So pflegte er literarische Verbindungen, verkehrte mit hochrangigen Musikern oder Schriftstellern (zum Beispiel mit
Justinus Kerner oder Ludwig Uhland), ließ sich von Theaterstücken beeindrucken oder nahm Einladungen an. Des weiteren zog Mörike sich auch gerne zurück und las, schrieb oder zeichnete. Trotz der Ruhe und Idylle in
Cleversulzbach war ihm die Politik nicht gleichgültig, was wir aus zahlreichen Briefen erfahren, in denen er sich zum politischen Geschehen äußerte. Mörike war jedoch nicht der Typ Mensch, der sich lautstark und aktiv für etwas einsetzte. Er
kritisierte die von ihm geschätzten Dichter, die die Poesie mit der Politik verbanden. Für Mörike gab es nur die eine "wahre Poesie", "die zu sich selbst befreite Poesie", in der die Politik und das Weltgeschehen nichts zu
tun hatten. Das Pfarrhaus von Cleversulzbach wurde verlassen, die Geschwister Mörike, Klärchen und Eduard, fanden nach zweimaligem Standortwechsel in Bad Mergentheim
am Marktplatz ein dauerndes Quartier. Das Leben an der Grenze des Existenzminimums ließ aber nur eine bescheidene Wohnung im Hause des Oberstleutnants von Speeth zu, die man im April 1845 bezog. Mit dem Wohnortwechsel trat eine weitere Hauptperson in Mörikes Leben. Er empfand eine große Zuneigung für die Tochter seines Vermieters:
Margarethe Speeth, damals 27 Jahre alt. Nach einer jahrelangen schwierigen Dreiergemeinschaft
mit Margarethe und Mörikes Schwester Klärchen faßte Mörike endlich den tollkühnen Entschluß zur Heirat. Obwohl Eduard Mörike von vielen Seiten gewarnt worden war, fand die Hochzeit am 25. November 1851
zwischen dem 47-jährigen pensionierten Pfarrer und der 32-jährigen Margarethe Speeth statt.
Daher hatte sich Mörike schon vor seiner Heirat um die Sicherung der materiellen Lage bemüht. Im Herbst 1851 fand er als Literaturlehrer am Königlichen Katharinen-stift in Stuttgart
eine feste Anstellung. Im gleichen Jahr bezogen die Neuvermählten zusammen mit Klara an Mörikes Arbeitsplatz, in Stuttgart, eine Wohnung. Die Eheschließung und die Lehrtätigkeit bewirkten, daß Mörike seine psychische Krise überwinden
konnte. Sein Selbstvertrauen wurde sogar beträchtlich gestärkt. Der Wechsel in die Residenz-stadt mit ihren vielfältigen musikalischen und literarischen Anregungen gaben Mörike ebenfalls neuen Schwung und weckten seine dichterische
Produktivität aufs neue. So erschien auch im Mai 1853 das Märchen "Das Stuttgarter Hutzelmännlein". Das zunächst noch ungetrübte Eheglück zwischen Margarethe und Eduard Mörike erreichte einen Höhepunkt, als die Töchter Fanny
(1855) und Marie
(1857) geboren wurden. In den folgenden Jahren, geprägt von einem idyllischen Familienleben, entstanden viele "versus familiares". Darunter verstand man Verse, die Mörike sowohl an Verwandte als auch an Bekannte verschickte. Er versandte kurze Verse voller Dankbarkeit an diesen und jenen. Ja, Mörike verfaßte sogar im Namen anderer Verse für besondere Anlässe (Bsp. Geburtstage, Namenstage).
In diesen Versen, aber auch in den meisten Gedichten wird Mörikes Hang zum Musikalischen deutlich. Daß er ein begeisterter Musikliebhaber war, ist aus seinen Aufzeichnungen ersichtlich, so schrieb er im Februar 1822: "Da
versink ich in die wehmütigsten Phantasien, wo ich die ganze Welt küssend voll Liebe umfassen möchte, wo mir a l l e s in einem andern verklärten Licht erscheint. Wenn die Musik dann abbricht, möcht ich in meiner Empfindung von einer hohen
Mauer herabstürzen, möcht sterben ..." Seine Verehrung von Mozart
und speziell dessen Werk "Don Giovanni" veranlaßte Mörike, als eine Huldigung an das Genie 1855 die Novelle "Mozart auf der Reise nach Prag" zu verfassen. Aufgrund hervorragender Leistungen in seinen Werken, besonders in
denen der Lyrik, wurde Mörike schon bei Lebzeiten gewürdigt. (Oftmals war es früher der Fall, daß Personen erst nach dem Tod geehrt oder berühmt wurden.) Mörike wurde allerdings 1852 von der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen
zum Ehrendoktor ernannt. 1856 bekam Mörike den Professorentitel und 1864 wurde er mit dem Ritterkreuz Erster Klasse des württembergischen Friedrich-Ordens ausgezeichnet. Anfang der siebziger Jahre häuften sich jedoch die Spannungen und
Zerwürfnisse in der Ehe. Mörike war mit Margarethe nicht glücklicher als mit seinen vorherigen Geliebten. Er war harmoniebedürftig und sehnte sich nach einer vollkommenen Ehe als Einheit ohne Meinungsverschiedenheiten. Diese Wünsche gingen
jedoch nicht in Erfüllung. Ein weiterer, vielleicht ja sogar der ausschlaggebende Grund für die Trennung nach 22 Jahren Ehe
mag auch die unzertrennliche Lebens- und Liebesgemeinschaft der Geschwister Mörike gewesen sein. Nach quälenden Auseinandersetzungen gingen Margarethe und Eduard Mörike ohne regelrechte Scheidung im Herbst 1873 auseinander. Mörike flüchtete mit seiner Schwester Klärchen und der jüngeren Tochter Marie nach
Fellbach bei Waiblingen, wo er ein ganz zurückgezogenes Leben führte. Im Alter produzierte Mörike nur noch wenig. Er arbeitete an einer zweiten Fassung seines Romans "Maler Nolten", konnte dieses Werk aber nicht mehr zum
Abschluß bringen. Die Lehrverpflichtungen am Katharinenstift waren längst zur drückenden Last Mörikes geworden. Daher bat er im Alter von 62 Jahren (im November 1866) um Entlassung und wurde dann in allen Ehren und unter Weiterbezahlung des
vollen Gehalts verabschiedet. In Mörikes letzten Lebensjahren reiste er nochmals viel herum. Er pflegte Freundschaften durch Aufenthalte bei Bekannten oder Verwandten. Im Frühjahr 1875 wurde Mörike im Alter von 71 Jahren bettlägerig
. Seine Schwester Klärchen war es, die Mörikes schwere Krankheit überwachte. Auf Wunsch Mörikes ließ sie auch seine Frau Margarethe ans Krankenbett rufen, um sich wieder mit ihr zu versöhnen. Am 4. Juni 1875
verschickte die Schwester dann folgende Worte: "Diesen Morgen um acht Uhr verschied sanft, fast unmerklich, aber nach qualvollen Schmerzen, die die ganze Nacht andauerten, unser geliebter Eduard. ..."
Mörikes Werke bestanden hauptsächlich aus lyrischen Dichtungen. Liebend gerne behandelte er darin die "Natur", die er in einer engen Beziehung zum Menschen sah. Oftmals redet das lyrische Ich die Natur an, fordert sie auf,
bittet oder beschwört sie. Die Natur wiederum trägt menschliche Züge, wird personifiziert. "Der Frühling ist ein Jüngling, die Nacht eine Mutter, Wald und Wiesen träumen, die Sonne springt auf von ihrem nächtlichen Lager und fliegt
über den Himmel ..." Die wechselnden Naturbeschreibungen seiner Gedichte stehen als Metaphern für Stimmungen und Gefühle des lyrischen Ichs: Trauer, Glück und Sehnsucht. Genauso spielten Mörikes damalige Liebesbeziehungen eine große
Rolle. So wirkten sich sowohl geglückte Beziehungen als auch Erinnerungen an die kurz zurückliegende Trennung von der Geliebten auf die Dichtungen aus. Gleichermaßen war Mörike bestrebt, Dinge möglichst objektiv zu beschreiben, deren Ferne
von den Menschen, Fremd- und Abgeschlossenheit er beklagte. Zu dem Unverwechselbaren aber, das Mörikes Gedichte auszeichnet, gehört die Musikalität. Daher fühlte sich Mörike besonders zur Form des Volksliedes und der Ballade hingezogen.
Dabei wird die Vielseitigkeit und die Gewandtheit Mörikes deutlich. Nach einer bestimmten Reimordnung und nach festen Versformen wurde gedichtet, durch eine zusätzliche Verwendung einer vorgeschriebenen strophischen Ordnung entstanden
künstlerisch vollendete Werke. Mit der Veröffentlichung von Mörikes bekanntester Erzählung "Maler Nolten" gelang es ihm eigentlich zum ersten Mal, enge, regionale Grenzen zwar nicht zu sprengen, wohl aber auszuweiten.
Mörikes
"Maler Nolten" (1832) ist ein Roman mit verwirrender Handlung: "Der Maler Nolten vergißt bei der Gräfin Konstanze seine Verlobte Agnes, von der er sich betrogen glaubt. Unterdessen führt der Schauspieler Larkens den
Briefwechsel heimlich im Namen seines Freundes fort, um die durch die Intrige einer Zigeunerin verleumdete Agnes für Nolten zu erhalten. Am Ende gibt sich Larkens aus Lebens-überdruß den Tod. Agnes tötet sich in geistiger Umnachtung, nachdem
ihr Nolten die gutgemeinte List seines Freundes verriet. Die Zigeunerin Elisabeth wird tot aufge-funden. Nolten stirbt entkräftet vom Kummer, und die Gräfin überlebt das Unheil nur wenige Monate."
Genauso trug das 21 Jahre später erschienene Märchen "Das Stuttgarter Hutzelmännlein" zur Vergrößerung seines Bekanntheitsgrades bei: Es handelt von einem Schustergesellen, der beschließt, auf
Wanderschaft zu gehen. Vor seiner Abreise erscheint der Schusterkobold, das Hutzelmännlein, und übergibt ihm einen nachwachsenden Laib Brot und zwei Paar Glücksschuhe, von denen er eines selbst tragen solle. Als Gegenleistung müsse der
Schustergeselle ein besonderes "Klötzlein Blei" mitbringen. Auf der Reise ist allerdings des Gesellen Glück nie vollkommen, da er versehentlich die Schuhe der Glückspaare verwechselt hat. Am Ende trifft der Schustergeselle dann
das Mädchen, das die anderen Schuhe trägt, und sie verloben sich. Sowohl in Mörikes Gedichten als auch in diesen zwei erwähnten Prosastücken wird deutlich, daß indirekt Wünsche und Sehnsüchte Mörikes zum Ausdruck kommen. Gerade weil Mörike
ein so ruhiger, in sich gekehrter Mensch war, der in seiner Enge glücklich und heimisch sich zeigte, kann man fast behaupten, daß er in seinen Werken eigene Erlebnisse mit einfließen ließ. Ja es tauchen sogar Motive seines Lebens auf, die
Szenen in seinen Werken zugrunde liegen. Indem Mörike sie niederschrieb, konnte er so die negativen Ereignisse verarbeiten.
Schwere persönliche Verluste, wie der Tod von guten Freunden oder Bekannten (1846 Ludwig Bauer, Tod des Schwiegervaters), die ewige Geldnot, die
zur größten Sparsamkeit aufrief und die damit verbundene Sorge um das Nötigste waren ein nie ganz abzuschüttelndes Elend für Mörike.
Nach Mörikes Tod kam zunächst kein neues oder gesteigertes Interesse an seinen Werken auf. Zahlreiche Veröffentlichungen halfen nur ein wenig, Mörikes Namen zu verbreiten. Selbst Ausstellungen in den Jahren 1965 und 1975 anläßlich Mörikes Todestag brachten nicht den vollständigen Durchbruch. Erst in den achtziger Jahren unseres Jahrhunderts trat langsam ein Wandel ein, der dazu beitrug, daß Mörike und seine Werke eine Anerkennung und Würdigung erlangen, die ihnen auch gebühren.
Eduard Mörike, Briefe. Hg. von Friedrich Seebaß. Tübingen 1939. Seite 29.
Reclam. Eduard Mörike Gedichte. Bernhard Zeller. Stuttgart 1994. Seite 157.
Reclam. Eduard Mörike Gedichte. Bernhard Zeller. Stuttgart 1994. Seite 52. Gesang Weylas.
rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971. Seite 95.
rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971. Seite 21.
rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971. Seite 80.
rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971. Seite 80.
rororo Bildmonographien. Mörike. Hans Egon Holthusen. Hamburg 1971. Seite 156.
Klett Lektürehilfen. Lyrik: Eduard Mörike. Hartmut Müller. Stuttgart 1995. Seite 62
Reclam. Kleine Geschichte der deutschen Literatur. Kurt Rothmann. Stuttgart 1985. Seite 158f.
Verwendete Literatur:
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